Das mystische Herz eines Felsens entdecken

Der Herzstein, ein Text von Rainer Limpöck für das Magazin Kraftquelle.
Das Wasser des Herzsteins als Spiegel der Seele der Besucher im Wechsel der Jahreszeiten.

Kraftorte liegen im Trend, so heißt es – ganz im Zeichen von Entschleunigung, sanftem Tourismus und einem neu erwachenden ökologischen Bewusstsein in der Bevölkerung. Doch was steckt wirklich dahinter? (© Text und Foto: Rainer Limpöck)

Ein Ort in der Natur, an dem wir uns wohlfühlen, abschalten und einkehren können: Eine Ruhebank mit schöner Aussicht, ein Baum mit „Ausstrahlung“, das lebendige Wasser einer Quelle oder ein Felsen in der Bergeinsamkeit – die Möglichkeiten zum Krafttanken sind vielseitig, wenn wir uns darauf einlassen können. Das Berchtesgadener Land ist prädestiniert für diese Erfahrungen. „Wen Gott liebt, den lässt er fallen in dieses Land“, so wird immer wieder der große Heimatschriftsteller Ludwig Ganghofer zitiert. Ist es nicht die Natur, die uns verzaubert und unserer Seele ein Glücksgefühl verschafft, wie wir es in unserer schnelllebigen, hochtechnisierten Gesellschaft kaum noch erleben können?
Die Geschichte eines Steins, eines markanten Felsens, im Kirchholz zwischen Bayerisch Gmain und Bad Reichenhall gelegen, ist ein solches Beispiel für die Magie der Natur. Entdeckt wurde er vor nicht mal 100 Jahren, als zur Renovierung des Klosterhofs, einem Wirtschaftsgebäude des Klosters St. Zeno, im nahen Wald Kies abgebaut werden musste. Dadurch wurde ein Monolith (altgriechisch monólithos‚ einheitlicher Stein oder wörtlich ‚Ein-Stein‘) freigelegt, ein sogenannter erratischer Block – also ein ortsfremder Stein, der durch geophysikalische Prozesse (Gletschergeschiebe) an jenem Ort zum Liegen kam.

Der Herzstein ist für viele Menschen ein heiliger Ort, den sie verehren und mit Opfergaben würdigen.

Ein Objekt und ein Vorgang, der zunächst noch wenig Auffälliges oder gar Magisches besitzt, wäre da nicht jene große kugelförmige Auswaschung an seiner Rückseite, also zum Hang hin gelegen. Lange Zeit war jene Schale mit Kies und Steinen verfüllt und blieb unbeachtet, bis jemand sich die Mühe machte und die Schale ausräumte. Da war es plötzlich, das Herz des Steins – ein Naturwunder, wie es eindrucksvoller und zauberhafter kaum erscheinen kann. Denn bei seinem Anblick gehen die Besucher schnell in Resonanz mit der beseelten Natur – erkennen ihr eigenes Herz, die Kraft der Liebe in einem Naturspiegel.
Die Schale ist – je nach Jahreszeit – mit Wasser, Eis oder Schnee gefüllt. Dementsprechend wirkungsvoll zeigen sich dann die ersten Blumen im Frühling – Leberblümchen und Schlüsselblumen, wenn die Besucher sie dem Herzenswasser übergeben, eine Rosenblüte als Zeichen des Sommers, buntes Laub im Herbst oder selbstgebastelte Strohsterne im Winter. Der Jahreskreis spiegelt sich im Herz des Steins wieder.
Der Herzstein wurde schon kurz nach seiner Entdeckung zu einem Kultort, an dem Jahreskreisfeste, insbesondere die Wintersonnenwende, gefeiert werden – und heute, nach seiner Wiederentdeckung vor einigen Jahren, wieder gefeiert werden, genauso wie Namensgebungsfeste, Kindergeburtstage, Gedenkfeiern und schließlich auch kleine Naturkonzerte. Bei Einheimischen ist er auch als Zauber- oder Wunschstein bekannt. Die Kraft seines Herzens mag wahrhaft Wünsche erfüllen. Es ist immer einen Versuch wert, dies auszuprobieren, sich auf das Wunder Natur (wieder) einzulassen. Und so finden sich an den Bäumen ringsum Wunschzettel, kleine Opfergaben, Geschenke, Heiligen- und Ahnenbilder, Früchte, Münzen.
Ich empfehle, beim Betreten jenes Areals, also am Pfad, der neben der Ruhebank beginnt, zunächst einen Moment stehenzubleiben, zu hören und zu fühlen und letztlich anzuklopfen (geistig oder real zum Beispiel an einem Baum) bei den Ortsgeistern und um Einlass zu bitten. Wünschen wir das nicht auch von jedem, der uns zuhause besucht?

Info Herzstein
♥ Hinkommen: Der Herzstein befindet sich im Kirchholz, einem Waldgelände zwischen Bayerisch Gmain und Bad Reichenhall. Er ist am schnellsten vom Hotel Klosterhof über den dort ansetzenden Fußweg nach Bad Reichenhall erreichbar. Bei einer Ruhebank an einer markanten Wegkreuzung führt ein unscheinbarer Steig zum Herzstein.
♥ Mehr über Kraftorte in der Region: www.untersberg.org

 

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Sabine Zimmermann, Sozialpsychologin, Mediatorin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie für die Kraftquelle

TEXT VON: Rainer Limpöck ist gebürtiger Bad Reichenhaller, als Diplom Sozialpädagoge seit 30 Jahren in der Erwachsenenbildung tätig und widmet sich als Schriftsteller und Heimatforscher speziell der Entschlüsselung der heimatlichen Mythen und damit verbundenen Kraftorten und Kultplätzen. www.untersberg.org