Achtsamkeit – wozu?

Foto: Christian Kotrc
Foto: Christian Kotrc

Warum wir ein neues Wort für bewusstes Sein und Wahrnehmen brauchen, was Jakobsmuscheln und Schokolade mit Achtsamkeit zu tun haben und warum Firmen besser keine Achtsamkeitstrainings anbieten sollten. (© Text: Magdalena Grain)

Viele Jahre lang habe ich mich geweigert, das Wort „Achtsamkeit“ zu verwenden. Natürlich ist Achtsamkeit wichtig, dachte ich mir, aber warum für das bewusste Wahrnehmen von Situationen, Gefühlen und Energien ein neues Wort erfinden? Bei genauerem Nachdenken konnte ich aber kein deutsches Wort finden, das genau den Bereich der Achtsamkeit abdeckt. Behutsamkeit ist es nicht ganz, Aufmerksamkeit auch nicht und Wachsamkeit schon gar nicht. Trotzdem habe ich Probleme mit solchen Modewörtern, die plötzlich in aller Munde sind, und wenn man ein bisschen nachbohrt, weiß eigentlich niemand, was sie meinen. Um die Achtsamkeit komme ich nun aber wirklich nicht mehr herum! Ich bin immer wieder damit konfrontiert, weil mir als Yogalehrerin im Internet Seminare und Bücher zu diesem Thema vorgeschlagen werden, weil in Workshops, die ich besuche, davon die Rede ist, und weil Zeitschriften voll davon sind.

Ich nütze meine Lebenszeit
Ganz unabsichtlich habe ich mich dann doch in den letzten Jahren zum Fan der Achtsamkeit entwickelt, auch wenn ich den Begriff immer noch nicht mag. Er bezeichnet etwas ganz Wichtiges: Bewusst Situationen erleben, bewusste Entscheidungen treffen, den Körper bewusst wahrnehmen. Durch die Schulung in Achtsamkeit, die mit meinen Yoga- und Meditationserfahrungen einhergeht, ist mir eine große Veränderung aufgefallen: Ich nehme mich und meine Handlungen besser wahr, auch im Lauf der Zeit. Mein Empfinden für Zeit hat sich verändert. Ich habe zwar immer noch das Gefühl, dass sie schneller vergeht, je älter ich werde. Gleichzeitig weiß ich aber, ich habe meine Zeit sinnvoll genutzt! Denn ich weiß ganz genau, wofür ich meine Zeit aufgewendet habe, in welche Bereiche ich sie investiert habe. Und dadurch habe ich nicht mehr das Gefühl, wertvolle Lebenszeit zu verschwenden. Durch genaueres Beobachten und Wahrnehmen nehme ich natürlich auch Situationen intensiver wahr, die man gemeinhin als „negativ“ bezeichnen würde. In diesem Fall spielen Achtsamkeit und Meditation wunderschön zusammen: Unser Gehirn kann durch das Üben der beiden Disziplinen besser mit Angst, Wut und Enttäuschung umgehen. Was für ein Tausendsassa.

Die Jakobsmuschel-Meditation
Wie sich mehr Achtsamkeit im Alltag auswirken kann, überrascht mich manchmal selbst! Kürzlich hat ein lieber Freund in einem hervorragenden Restaurant im Süden hungrig Jakobsmuscheln verschlungen. Auf die Frage, ob sie ihm geschmeckt hätten, konnte er es nicht sagen! Ich habe ihm daraufhin von der Schokoladenmeditation erzählt (siehe Kasten). Am nächsten Tag, in einem anderen Lokal mit der gleichen Vorspeise, wurde er wieder gefragt: „Wie waren deine Jakobsmuscheln?“ Er: „Dank Lena ausgezeichnet!“ Ganz offensichtlich hat er achtsames Essen ausprobiert und Gefallen daran gefunden. 

Warum mich der Begriff Achtsamkeit immer noch stört?
Weil Leute von Achtsamkeit reden und doch nicht merken, was rund um sie passiert. Weil es so viele Bücher zu dem Thema gibt, die dann im Regal verstauben. Weil in Firmen Achtsamkeitstrainings angeboten werden, um die Mitarbeiter produktiver zu machen und vor Burnout zu schützen. Vielleicht sollten die Firmenchefs achtsamer sein und Strukturen verbessern, anstatt den Mitarbeitern zu signalisieren, dass sie lernen müssen, immer mehr auszuhalten? Im Endeffekt landen sie doch im Burnout, weil die Gegebenheiten rund herum zu viel fordern. Ich hoffe sehr, dass Menschen lernen, sich selbst gegenüber achtsam zu sein, und gegebenenfalls ihre ungesunde Lebenssituation ändern. Text: Magdalena Grain

.............................................................................

Sabine Zimmermann, Sozialpsychologin, Mediatorin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie für die Kraftquelle

Magdalena Grain ist Yogalehrerin RYT 200 und AHS-Lehrerin für Sprachen. In ihren Yogastunden legt sie großen Wert darauf, dass ihre Teilnehmer für sich entscheiden können, wie weit sie gehen – nicht nur in den körperlichen Yogapositionen, sondern auch was die spirituelle Reise betrifft. www.lenayoga.at


Schokoladenmeditation
Brechen Sie ein Stück Schokolade von der Tafel ab. Spüren Sie mit Ihren Fingern, wie sich das anfühlt. Betasten Sie das Stück von allen Seiten. Riechen Sie daran. Fühlen Sie die Oberfläche mit den Lippen. Schieben Sie das Stück in Ihren Mund und bewegen Sie es mit der Zunge hin und her. Fühlen Sie die Konsistenz. Nehmen Sie den Geschmack wahr. Wo im Mund schmecken Sie den typisch schokoladigen Geschmack? Dann erst beißen Sie zu! Lassen Sie sich so lange wie möglich Zeit!



Mikro-Meditation
Halten Sie circa fünfzig Mal am Tag kurz inne und genießen Sie den Moment! Der morgendliche Blick aus dem Fenster, ein Lächeln, eine Schneeflocke vor Ihrer Nase, der Geruch von Kaffee oder Tee, ein schönes Haus, eine tolle Lichtstimmung, …



Kommentar schreiben

Kommentare: 0