Wo ich auftanke? Im Alleinsein

Auftanken im Alleinsein

Eine zuverlässige Kraftquelle liegt in genau dem, was viele Menschen fürchten und meiden: Im Für-sich-Sein kommen wir zu uns, finden wir Ruhe und neue Kraft. Wir müssen uns nur trauen, uns auf diesen eigentlich ganz natürlichen Zustand einzulassen. © Text: Franziska Muri

Ganz schön viel los zurzeit. So viel, was geplant, durchdacht und erledigt werden will. Dazu Termine, jede Menge Treffen. So schön und bereichernd sie sind: Es wird mir grad etwas zu viel. Ich drohe mich in all dem zu verlieren. Die Welt mit all ihren Reizen, Forderungen und Verlockungen reißt mich mit sich wie der kühle Wind die letzten Blätter an den Eichen.  
Es wird Zeit für mein liebstes Kraftrezept: Es wird Zeit, allein zu sein. Bewusst ohne unnötige Reize. Bewusst ganz für mich. Die Minuten sich wieder dehnen lassen auf ihre Wohlfühlgröße – wenn die einzelnen Sekunden atmen, wenn der Moment spürbar wird wie ein ganzes Leben.

Leben, was uns gegeben ist
Das kennt wohl jeder: Schon ein Abend kann sehr lang sein, wenn man ihn allein und ohne die üblichen Ablenkungen wie Fernseher, Telefon und Internet verbringt. Herrlich lang oder auch beängstigend lang, je nachdem. Auf jeden Fall ist es eine Chance, um runterzukommen. Bereits Ende der 1970er-Jahre gab es Studien, die zeigten, dass das Maß an Stress sinkt, wenn die Menschen ausreichend Zeit für sich allein haben. Alle wesentlichen Lebensbereiche profitieren davon. Auch die Kontakte, die wir dann wieder eingehen, sind entspannter und erfüllender. All das gilt für Singles gleichermaßen wie für Menschen in Partnerschaft und Familie. Alleinlebende haben den Vorteil, sich solche kleinen (oder größeren) Auszeiten leichter gönnen zu können. Sie müssen es nur tun und das, was ihnen das Leben mit dem Solosein an Kostbarem anbietet, wirklich nutzen.

Das nährende Inselgefühl
Für mich sind es wundervolle Zeiten – die, in denen kaum etwas zu geschehen scheint und ich so gut wie keinen Austausch habe. Außer vielleicht mit einem Autor, in dessen Buch ich lese, oder mit einem Baum draußen beim Herumwandern. Die Stille lässt mich tiefer atmen, sie lässt mich insgesamt langsamer sein, spüriger, zentrierter. Selbstvergessen.
Umso mehr freut es mich, zu wissen, dass es auch meinem Gehirn guttut, wenn ich die Seele baumeln lasse. Der Kognitionswissenschaftler Andrew Smart wird nicht müde, das Nichtstun als eine der wichtigsten Aktivitäten im Leben anzupreisen. Unser Gehirn liebt es, mal Ruhe zu haben. Die Hirnforschung weiß, dass es dann sogar noch aktiver ist als sonst: Es arbeitet nämlich nach, sortiert, kombiniert, seine einzelnen Areale vernetzen sich. Innere »Müllberge« werden abgetragen, neue Ideen bereiten sich vor, wirklich Kreatives wächst heran. Früherer Stress ist bald vergessen. Es ist erwiesen: Bei Überbeanspruchung wünschen wir zunächst Rückzug und Ruhe. Erst wenn wieder Energie da ist, können sich die Bedürfnisse in Richtung Geselligkeit, Austausch und Intimität verändern.
Mich macht es sehr dankbar, in dieser überbevölkerten lauten Welt regelmäßig Stunden der Stille und des Alleinseins erleben zu dürfen. Gerade magische Momente brauchen Zeit und inneren Raum, um wahrgenommen zu werden. Und im Für-sich-Sein kann man sie direkt zu sich einladen. Das erfuhr ich auch an diesem Abend, den ich mir endlich wieder ganz für mich reserviert hatte: Ich stand am Fenster, blickte auf die schmale Sichel des Mondes und als ich mir selbst das Versprechen gab, mir solche Zeiten wieder öfter zu gönnen, da rauschte eine Sternschnuppe über den Himmel.


Franziska Muri: „21 Gründe, das Alleinsein zu lieben“, Integral, 19,99 Euro
Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an das Alleinsein. Mit vielen praktischen Anregungen und wertvollen Impulsen.


Franziska Muri ist Lektorin und Autorin. Mit ihrem neusten Buch »21 Gründe, das Alleinsein zu lieben« kam sie ihrem Herzensanliegen nach, es SolistInnen leichter zu machen und den Ruf des Alleinseins zu verbessern.
www.franziskamuri.de