Die Heldenreise Teil 1 – Lebenszyklen bewusst erfahren

Arbeit aus einem Seminar Heldenreise: „Der Beginn der Reise: Aufbruch ins Unbekannte"
Arbeit aus einem Seminar Heldenreise: „Der Beginn der Reise: Aufbruch ins Unbekannte"

Mythen sind viel mehr als nur schöne, unterhaltsame Geschichten. Und dass wir uns so gern mit Heldenfiguren identifizieren, hat einen guten Grund. Dahinter steckt kein kindlicher Wunschtraum, sondern nicht weniger als ein machtvolles Urprinzip des Lebens.    ©Text & Foto: Adrian Peill

Dem Mythenforscher Joseph Campbell haben wir die Aufdeckung eines Lebensprinzips zu verdanken, welches er die „Heldenreise“ nannte. Campbell untersuchte nämlich Mythen der ganzen Welt und fand heraus, dass sie alle durchweg bestimmte Elemente enthalten, die immer vorkommen, ungeachtet des kulturellen Hintergrundes und der individuellen Geschichte.
Wie kann es sein, dass Mythen, Märchen und Heldensagen so ähnlich gestrickt sind, egal ob aus Afrika oder Sibirien? Die Antwort liegt wohl darin begründet, dass der Mensch sich jenseits seiner kulturellen Herkunft in den Grundfragen des Lebens nicht unterscheidet. Wir haben alle dieselben Lebensabschnitte und Herausforderungen zu durchlaufen, wir haben alle dieselben Fragen an das Leben, an „Gott“. Uns alle bewegen Themen wie Wachstum, Freiheit, Sehnsucht, Zufriedenheit, Glück, Liebe, Erfolg, Transformation, Krankheit, Sterben und Tod…

„Drehbuch“ Heldenreise
Und das ist auch der Grund, warum uns gut geschriebene Geschichten so ansprechen, ob nun „Harry Potter“ oder „Alice im Wunderland“. Sogar Drehbücher werden nach dem Konzept der „Heldenreise“ geschrieben, wie beispielsweise „Star Wars“. Die „Heldenreise“ ist ein archaisches Prinzip, das einen Entwicklungszyklus abbildet, den wir alle mehrfach in unserem Leben durchlaufen, ob bewusst oder unbewusst. Und wenn wir ein Buch lesen oder einen Film sehen, in dem der Held oder die Heldin genau diesem Zyklus folgt, den wir als Lebensprinzip allein durch unser Menschsein bereits in uns tragen, dann reagieren wir unwillkürlich darauf, fühlen mit, hoffen und bangen und sehnen uns nach dem guten Ausgang der Geschichte.
Mythen waren nicht nur einfach Geschichten zur Unterhaltung. Paul Rebillot, ein Gestalttherapeut aus den USA, der Campbell persönlich begegnete und sich vom ihm nachhaltig in-spirieren ließ, nannte Mythen „die kollektiven Träume der Menschheit“. Mythen waren und sind von immenser Bedeutung für die Entwicklung der Menschen, denn sie liefern durch ihre Struktur, die Campbell aufdeckte, eine Art Richtschnur für den Weg durch den als nächstes anstehenden Prozess hindurch. Den Menschen früherer Zeiten war dieses Prinzip noch sehr bewusst, und so waren Mythen und Heldengeschichten wichtige Grundlagen für die eigene Entwicklung und verankert in der jeweiligen Kultur. Diese Bewusstheit ging uns sukzessive verloren, und sie uns wiederzuholen kann uns dabei unterstützen, unseren Lebensweg kraftvoller zu gehen, Krisen und Veränderungen bewusster zu meistern, uns den Themen des jeweiligen Lebensabschnitts gelassener zu stellen.

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt
Wie sieht nun dieser „Weg des Helden“* aus? Der Held einer jeden Geschichte hat sein angestammtes, vertrautes Umfeld, in dem er lebt, das ist sein Status Quo. Dann passiert etwas, das diesen Status Quo nachhaltig erschüttert. Das kann in den Geschichten sehr verschieden aussehen, führt jedoch immer dazu, dass der Held nicht mehr anders kann als dieses vertraute Umfeld zu verlassen und sich auf den Weg zu machen. Der Held hat einen Ruf erhalten.
Auch wir erhalten immer mal wieder im Leben so einen „Ruf“. Manchmal als manifeste Krise, oft aber auch eher leise, zum Beispiel als latente Unzufriedenheit. Nehmen wir den Ruf bewusst wahr, steigen unsere Möglichkeiten, auf die äußeren Umstände, die uns das Leben präsentiert, zu reagieren. Wir wissen: Wir sind als Held und Heldin gefragt, uns wieder einmal auf den Weg zu machen…
Auf diesem Weg begegnen uns – wie in den Mythen – unsere eigenen Widerstände, aber auch helfende Hände. Wir begegnen Hürden und Herausforderungen, und auch unseren Ängsten. Wir sind als Held gefordert, alles in uns zu mobilisieren, was wir brauchen, um sie zu meistern. Wir brauchen Bewusstheit, sowohl für unser Ziel als auch für uns selbst und unsere Stärken – aber auch für das, was uns daran hindert, vorwärts zu kommen.

An der Schwelle zum Abenteuer
Wie Helden auch kämpfen wir mit Drachen – nur dass es sich dabei um unsere eigenen inneren „Dämonen“ handelt. Unsere inneren Widerstände sind es, die die Schwelle zum „Land der Wunder“ hüten, dem Teil der Reise, wo wir das finden, was wir suchen, um wieder ein Stück ganzer, heiler zu werden. Um zufriedener zu sein, gesünder, freier.
Wir müssen den Hüter der Schwelle konfrontieren, um die Schwelle überschreiten zu können. Dann ist der Weg frei – oftmals noch durch einige Tiefen und Ängste hindurch – die Belohnung unserer „Heldenreise“ zu finden und sie auch wieder mit zurück zu bringen. Denn das ist das eigentliche Ziel: Das, was wir gefunden haben, auch wieder in unser altes Umfeld zu bringen und es dort seine Wirkung entfalten zu lassen. Wie der Held, der das Heilmittel für den König findet, damit dieser gesunden kann.
Dass wir diesen Zyklus unzählige Male in unserem Leben durchlaufen, das können wir gar nicht verhindern, so lange wir Mensch und am Leben sind. Was wir tun können, ist, es bewusst zu tun. Und uns an den Stellen, an denen wir wissen, dass es schwierig wird, Unterstützung holen. Und so wissen wir auch, dass es einen Weg hindurch gibt, dass die Schwelle und die Angst nicht die Endstation sind, sondern dass der Zyklus weiter geht, dass es sich lohnt – und dass diese Belohnung, die wir für unseren Mut, dem Ruf zu folgen, erhalten, auch etwas verändern wird.

Serie Heldenreise Teil 2:
Lesen Sie im Teil 2, wie das bewusste Durchlaufen dieses Zyklus im therapeutischen Kontext zu einer nachhaltigen ganzheitlichen Veränderung im Leben eines Menschen führen kann und wie das „Heldenreise“-Prinzip auf psychischer Ebene interpretiert und genutzt werden kann. (Teil 2 hier lesen)

 

* Das Wort „Held“ verwende ich im archetypischen Sinne, das heißt, es hat keinen geschlechtlichen Bezug, sondern beschreibt eine „Qualität“. Daher sind mit „Held“ sowohl Männer als auch Frauen gleichermaßen gemeint.

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Adrian Peill ist Heilpraktiker, Gestalttherapeut und Überlebenstrainer und praktiziert in Traunstein und München. Im Einzel- oder Gruppensetting verbindet er die Rituelle Gestaltarbeit mit wildnispädagogischen Ansätzen. Seine Passion ist das Erforschen des „Heldenreise“-Prinzips in seiner ganzen Tiefe. www.impulsum.de