Die Heldenreise Teil 2 – Sie sind der Held Ihrer eigenen Geschichte

Heldenreise: Sie sind der Held Ihrer eigenen Geschichte.

Helden – sind das nicht die, die andere selbstlos aus einer Notsituation retten? Oder die, die sich in sozialen Berufen aufopfern? Oder die strahlenden Helden aus Büchern und Filmen, die große Abenteuer bestehen und Kämpfe bestreiten? Ja. Aber nicht nur. Auch SIE sind ein Held!   ©Text: Adrian Peill

Ich? Ein Held?“, werden Sie jetzt vielleicht denken. Ich behaupte: Jeder Mensch, der den „Ruf“ hört und ihm folgt, ist bereits ein Held! In der letzten Ausgabe der „Kraftquelle“ habe ich Ihnen das Prinzip der „Heldenreise“ umrissen. In jeder Heldengeschichte erhält der Protagonist einen „Ruf“, sein Umfeld zu verlassen und sich auf eine Queste (Suchmission) zu begeben, um eine Aufgabe zu erfüllen. Auch wir „ganz normalen Menschen“ erhalten vom Leben immer wieder so einen „Ruf“, um aufzubrechen aus den vertrauten Gefilden. Manchmal verschließen wir unsere (inneren) Ohren, um ihn nicht zu hören, aber schlussendlich können wir gar nicht anders. Und begeben uns damit hinein in einen weiteren Transformationsprozess, der dem Leben eigen und gar nicht vermeidbar ist. Je bewusster wir dies tun, umso besser.
Manchmal äußern sich diese Prozesse als handfeste Krisen und große Einschnitte im Leben, sei es als Krankheit oder Unfall, Trennung, Verlust des Arbeitsplatzes oder eines geliebten Menschen. Auch der Übergang in den nächsten Lebensabschnitt kann für manche zur Krise werden. In belastenden Situationen tut es gut, ein Gegenüber zu haben, das wohlwollend zuhört und den sicheren Rahmen bietet, um diesen Prozess unbeschadet und möglichst ganzheitlich und kraftvoll durchlaufen zu können.

Gestalttherapie: Den Blick auf die Gegenwart richten
Die Gestalttherapie ist eine der Methoden, die diesen Rahmen anbietet. Sie wurde von Fritz und Lore Perls entwickelt und betrachtet den Menschen als Einheit aus Körper, Geist und Seele, verbunden mit seinem Umfeld. Der Fokus liegt auf dem Hier und Jetzt, auf Wahrnehmung und Kontakt im Dialog auf Augenhöhe zwischen Therapeut und Klient. Ziel ist es, die Bewusstheit des Klienten für sich selbst zu steigern und ganzheitliche Erfahrungen in einem geschützten Umfeld zu ermöglichen, die zu einer gewünschten dauerhaften Veränderung führen.
Paul Rebillot, amerikanischer Theaterpädagoge und Gestalttherapeut, kreierte auf Basis der Arbeit von Joseph Campbell (siehe Teil 1 in der vorigen Ausgabe) das Selbsterfahrungsseminar „Die Heldenreise“, das von seinen Schülern Franz Mittermair und Torsten Zilcher nach Deutschland gebracht und weiterentwickelt wurde. Im Austausch der beiden mit Frank Staemmler und Werner Bock, ebenfalls Gestalttherapeuten, zeigten sich verblüffende Parallelen zwischen Campbells „Heldenreise“-Zyklus, den auch das Seminar abbildet, und einem von Staemmler und Bock beobachteten Veränderungsprozess in der gestalttherapeutischen Arbeit.
Ein deutlicher Hinweis darauf, dass das Prinzip „Heldenreise“ ein universelles ist und allen Veränderungs- und Entwicklungsprozessen des Lebens zugrunde liegt. Sind wir also doch alle Helden? Helden unserer eigenen Lebensgeschichte?

Der Weg des Helden durch die Krise
Vergleicht man gezielt die „Heldenreise“ mit dem gestalttherapeutischen Veränderungsprozess, dann wird deutlich, welche Kriterien und Schritte im Leben es braucht, um sich zu entwickeln, um tatsächliche Veränderung herbei zu führen.
Ausgangspunkt ist eine Situation, in der sich der Mensch nicht mehr zufrieden fühlt, eine Sehnsucht hin zu etwas Neuem spürt, es jedoch auch Faktoren gibt – innere wie äußere –, die ihn noch zurück halten. Eine Form der Stagnation ist die Folge. In dieser Phase erhält der „Held“ einen „Ruf“, sich aus dieser Starre heraus zu bewegen. Aus dem psychologischen Blickwinkel gelingt dieser Schritt durch die Bewusstheit für das zugrundeliegende Thema und die Erkenntnis, dass die Verantwortung für das eigene Wohl nicht im Außen zu suchen ist, sondern stets bei einem selbst liegt.
Essenzieller Schritt auf dem Weg zur Veränderung ist das Erforschen und Anerkennen der beiden widerstreitenden Pole im eigenen Inneren: Der „Held“ mit seinen Sehnsüchten und Veränderungswünschen und der „Drache“ – das „Monster“, gegen das so viele Helden in den Mythen kämpfen müssen – als Sinnbild für unseren inneren Bremser, den eigenen Widerstand gegen jede Veränderung. Die beiden müssen sich konfrontieren, in Dialog treten. Der „Drache“ als klassischer Hüter der Schwelle muss den Weg für den „Helden“ freimachen.
Das gelingt aus therapeutischer Sicht nur dann, wenn beide Seiten klar herausgearbeitet und energetisch stark „geladen“ sind. Lösungsversuche auf Verstandesebene sind dabei allerdings fruchtlos. Veränderung geschieht, wenn der Prozess auf anderen Ebenen ablaufen kann und sich das alte Konzept beginnt aufzulösen.

Heldenreise Seminar
Arbeit aus einem Seminar: „Sprung ins Abenteuer bedeutet auch (sich) lösen, loslassen, fallenlassen, überwinden…"

Hinter der Angst wartet die Freiheit
Hier bewegen wir uns in einen geradezu magisch anmutenden Bereich hinein, der schwer zu erfassen ist. Ist der „Held“ in der Lage, sich ganz auf die Situation einzulassen und die Kontrolle aufzugeben, sich quasi seinem Schicksal zu überantworten und sich seiner Angst zu stellen (im therapeutischen Kontext bedeutet das, auch unangenehme Gefühle in Kauf zu nehmen und auszuhalten), bewegt er sich durch eine Art Enge hindurch und erlebt anschließend eine expandierende Weite, in der die vorher stagnierende Energie nun frei fließen kann: Der „Held“ findet auf seiner Reise die „Belohnung“ für seine Mühen.
Mit dieser „Belohnung“ kehrt er dann zurück in sein altes Umfeld, das sich jedoch verändert hat: Er ist nicht mehr der, der aufgebrochen ist, um ein weiteres Abenteuer seines eigenen Lebens zu bestreiten. Er hat die Krise durchlebt und ist gewachsen, wird sich sein Umfeld neu einrichten, sich damit vertraut machen – bis ein neuer „Ruf“ ihn ereilt und eine neue Reise beginnt…

Serie Heldenreise Teil 3:
Lesen Sie im Teil 3 der „Kraftquelle“, wie wichtig das bewusste Erleben von Veränderungen im Leben ist und wie bewusst begangene Rituale des Übergangs, des Wandels und der Initiation in etwas Neues das Vollziehen der Lebenszyklen, denen wir unterworfen sind, leichter und kraftvoller machen können.

 

(Heldenreise Teil 1 hier lesen)

 

* Das Wort „Held“ verwende ich im archetypischen Sinne, das heißt, es hat keinen geschlechtlichen Bezug, sondern beschreibt eine „Qualität“. Daher sind mit „Held“ sowohl Männer als auch Frauen gleichermaßen gemeint.

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Adrian Peill ist Heilpraktiker, Gestalttherapeut und Überlebenstrainer und praktiziert in Traunstein und München. Im Einzel- oder Gruppensetting verbindet er die Rituelle Gestaltarbeit mit wildnispädagogischen Ansätzen. Seine Passion ist das Erforschen des „Heldenreise“-Prinzips in seiner ganzen Tiefe. www.impulsum.de