Die Heldenreise Teil 3 – Held sein - bewusst Schwellen überschreiten

Heldenreise  –  Held sein, bewusst Schwellen überschreiten (Kraftquelle Nr. 7)

Wenn wir im Leben mal wieder an einem Übergang stehen, ist viel Eigeninitiative und Bewusstheit gefragt, um unseren Weg trotz aller Hindernisse auch weiter gehen zu können. Rituale können helfen, den naturgegebenen Zyklen des Lebens bewusst zu folgen. © Text: Adrian Peill

In den beiden vorausgegangenen Ausgaben der „Kraftquelle“ habe ich erläutert, wie das Urprinzip der „Heldenreise“, das sich in Mythen und Geschichten abbildet, auch in unserem persönlichen Leben zu entdecken ist. Es kann uns Halt und Richtung geben, wenn es darum geht, durch Krisen und Wandlungsprozesse hindurch zu gehen, die zum Leben einfach dazu gehören.
Habe ich einmal mit meinem ganzen Sein erfahren, wie es ist, den „Heldenreise“-Zyklus ganz bewusst zu durchlaufen, verschwindet diese Bewusstheit nie mehr. Zu erkennen, dass ich der „Held“* meines Lebens bin und viele Male diesem Kreislauf folge – mal „lautstark“, mal mit „ganz leisen Tönen“, mal intensiv und mal vielleicht fast unbemerkt – hilft mir, mich vom Leben nicht irrational gebeutelt zu fühlen. Ich bin meinem Schicksal nicht länger ausgeliefert, ohne zu verstehen, warum etwas passiert.

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen…
Vielmehr fällt es mir leichter, die Struktur hinter allem zu erkennen und zu begreifen, an welcher Stelle des Zykluses ich gerade stehe. Was passiert, macht plötzlich mehr Sinn, und vor allem: Ich weiß, wie es weitergeht. Und dass es weitergeht. Ich erkenne den Weg des Helden in meinem Leben, und ich lerne, dass dieser Weg keine Strecke von A nach B ist, wo sie dann
endet, sondern dass ich einer Spirale aufwärts
folge, ewigen natürlichen Kreisläufen des Lebens. Ganz im Sinne Rilkes: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge zieh’n. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn…“
So tröstlich dieses Wissen (zumindest für mich persönlich) ist, so herausfordernd kann es an manchen Stellen des Weges sein. Es mag sich anfühlen, als würde es nie vorbei gehen, als wäre die Last zu schwer, die Gefühle zu intensiv. Manifeste Krisen haben wir vermutlich alle schon mindestens einmal erlebt, und wir wissen, was es kosten kann, sie zu überstehen. Sich an solchen Punkten Unterstützung zu holen, wenn die Kraft allein nicht ausreicht, halte ich für legitim und sogar essenziell.

Bewusst gestaltete Rituale als Stütze und Wegweiser
Doch was kann ich für mich selbst tun, um diesen Weg bewusster und kraftvoller gehen zu können? Ein Schlüssel dazu sind Rituale. In alten Kulturen, denen das Prinzip der „Heldenreise“ noch bewusst war und die Mythen und Geschichten gezielt einsetzten, um Entwicklung zu fördern und Übergänge im Leben zu erleichtern, existierte ein reicher Schatz an Riten und zeremoniellen Handlungen. Eine spirituelle Kultur, die den Menschen auf seinem individuellen Lebensweg begleitete und gleichzeitig die Gemeinschaft verband.
In unserer modernen Gesellschaft ist das Bewusstsein für die Wichtigkeit solcher Rituale größtenteils verloren gegangen. Wenn sie überhaupt noch existieren, dann oftmals auf eine äußere Ebene reduziert. Es fehlen beispielsweise tiefgreifende Initiationsrituale für junge Menschen, die das Erwachsenenalter erreichen oder ein wirklich adäquater Umgang mit Altwerden, Sterben und Tod. Es bleibt dem Einzelnen überlassen, sich hier Orientierung zu verschaffen.
Es hilft der Blick in unsere eigene kulturelle Vergangenheit oder auch in andere, zum Teil noch bestehende Kulturen, um sich inspirieren zu lassen. Als Beispiel seien hier die bekannten Visionssuchen der nordamerikanischen Indianer genannt, die an verschiedenen Punkten des Lebensweges eingesetzt werden, um den Übergang bewusst zu bewältigen.
Idealerweise erleben wir für uns wichtige Rituale eingebettet in unsere Gesellschaft und Kultur. Ist dies nicht möglich, empfiehlt es sich, sich einen unterstützenden, vertrauten Kreis von Menschen dafür zu wählen, sei es die Familie oder ein Freundeskreis. Geht es um tiefgreifende Themen, kann selbst die Begleitung durch einen in Ritualen geschulten Therapeuten geeigneter sein, als das Ritual völlig allein zu begehen (was natürlich bei emotional nicht so stark besetzten Themen jederzeit möglich ist).

Altes Prinzip – neue Form
Was wir im Grunde brauchen, sind moderne, an unsere Bedürfnisse angepasste Übergangsrituale. Was die alten Griechen noch durch das bloße Miterleben einer Theateraufführung erreichten, ist uns bei der herrschenden Flut von schnell wechselnden Eindrücken nicht mehr möglich. Für Menschen unseres Zeitalters ist es hilfreich, eine Erfahrung auf allen Ebenen zu machen, also sowohl das Potenzial des Verstandes und seine Fähigkeit zur Imagination zu nutzen als auch den Körper voll und ganz erleben zu lassen, sich über Bewegung und Stimme auszudrücken, Gefühle zuzulassen und die eigene Lebendigkeit zu spüren.
Der Theaterpädagoge und Gestalttherapeut Paul Rebillot hat ein solches Ritual der Moderne in Form eines Seminars erschaffen, das als gelungenes Beispiel für die Neuschöpfung hilfreicher Rituale auf Basis uralter Prinzipien dienen mag. Es vereint auf geniale Weise moderne humanistische Ansätze und Methoden mit der Kraft von Ritualen und der Gruppenerfahrung und gründet auf dem „Heldenreise“-Zyklus, der ihm auch seinen Namen gegeben hat.
Joseph Campbells Entdeckung des „Hel-denreise“-Prinzips beschreibt einen Initiationsritus, wie er schon unzählige Male in allen Kulturen rituell vollzogen wurde: Die Loslösung vom Alten, der Schritt über die Schwelle in etwas Neues, die Rückkehr – verändert – in die Gemeinschaft. Jede Krise ist ein solcher Prozess, jeder Übergang in einen neuen Abschnitt, mag er groß oder klein sein. Wir sind aufgerufen, uns wieder unsere eigenen, wirksamen Initiationsrituale zu erschaffen und uns eine Gemeinschaft zu suchen, in der wir uns sicher und geborgen fühlen, diese Schritte miteinander zu gehen. Uns ganz bewusst wieder auf den Weg zu machen. Auf den Weg des Helden.

 

* Das Wort „Held“ verwende ich im archetypischen Sinne, das heißt, es hat keinen geschlechtlichen Bezug, sondern beschreibt eine „Qualität“. Daher sind mit „Held“ sowohl Männer als auch Frauen gleichermaßen gemeint.

Lesen Sie auch Teil 1 und Teil 2 der Serie Heldenreise.

 

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Adrian Peill ist Heilpraktiker, Gestalttherapeut und Überlebenstrainer, er praktiziert in Traunstein und München. Im Einzel- oder Gruppensetting verbindet er die Rituelle Gestaltarbeit mit wildnispädagogischen Ansätzen. Seine Passion ist das Erforschen des „Heldenreise“ – Prinzips in seiner ganzen Tiefe. www.impulsum.de

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ZUM WEITERLESEN:
Die Heldenreise – Das Abenteuer der kreativen Selbsterfahrung von Paul Rebillot / Melissa Kay, 272 Seiten, Eagle Books, 2011

Beschrieben wird das Seminar „Die Heldenreise“ als Gruppen- oder auch Einzelprozess (auch im englischen Original, Print oder eBook, erhältlich).

Rituale – Quellen der Kraft von Martina Kaiser, 256 Seiten, Knaur, 2005

Ein empfehlenswertes Grundlagenbuch über Rituale mit praktischen Anleitungen zu vielfältigen Anlässen.

BLOG

Abenteuer Heldenreise ist ein Blog von Adrian Peill rund um die Themen „Heldenreise“, Veränderungsprozesse, Krisenbewältigung, Lebenszyklen, Rituale, Gestalttherapie und verwandte Ansätze.
www.abenteuer-heldenreise.de