Geh, wohin dein Herz dich trägt

Manchmal scheinen wir ihn verloren zu haben, den roten Faden unseres Lebens. Und doch: Die Sehnsucht in uns, ihn wiederzufinden, lässt sich nicht so einfach verdrängen. Warum das gut so ist und was sich wandelt, wenn wir ihr folgen. (© Text: Sabrina Gundert)

Als ich neun Jahre alt war, schrieb ich meinen ersten Roman „Therese an der Ostsee“ in ein Schulheft und wollte Nonne werden. Schreiben und Spiritualität ziehen sich seit jeher als die beiden roten Fäden durch mein Leben. Zwei Fäden, denen ich als Kind noch ganz natürlich folgte, ehe sie sich immer mehr im Druck von außen und dem Streben nach Sicherheit und Anerkennung verloren. So wich die Freude des Schreibens mit der studienbegleitenden Journalistenausbildung, wo Leistung und Durchhaltevermögen gefordert waren. Beides hatte ich mir über die Jahre recht gut antrainiert. Wenngleich ich spürte, dass es meinem Wesen nicht entsprach. Und ich besonders auch als Hochsensible an beidem immer wieder scheiterte. Nach außen hin versagte, tief innen spürte: Das ist nicht mein Weg.


Und doch entschloss ich mich nach meinem Geographiestudium für die gefühlte Sicherheit. Zu weit schon war die Freude am Schreiben in die Ferne gerückt, zu wenig spürte ich sie noch, jene Sehnsucht und Leidenschaft, die damit verbunden gewesen waren. Die ersten Wochen geographisch tätig in einem Bundesforschungsinstitut brachten das Schreiben jedoch mit aller Wucht zurück. Es war das, was mich in jener Zeit am Leben hielt. Was mich in aller Dumpfheit meiner Umgebung meine Begeisterung und mein inneres Feuer wieder spüren ließ. Vor allem ließ es mich bemerken: Rote Fäden im Leben lassen sich nicht so einfach verdrängen. Sie sind nicht so einfach kaputtzubekommen, auch wenn es manchmal so scheinen mag. Sondern sie bahnen sich, wenn es Zeit ist, wieder ihren ganz eigenen Weg. Dann wird die Sehnsucht in uns wieder wach und wir vernehmen ihn wieder, den Ruf tief in uns.


Damals begann ich zu erkennen, dass mein alter Plan von "Hauptsache ein sicherer Job" nicht mehr griff. Doch ich hatte keine Ahnung, was genau ich sonst machen sollte. So zog ich mich immer wieder zurück. In ein buddhistisches Seminarzentrum. Ans Meer. In den Wald. In ein Meditationszentrum in den Schweizer Bergen. Und fand in der Stille mehr und mehr die Antworten auf das, was ich eigentlich tun wollte. Oder eher: Was getan werden wollte. Denn die nächsten Schritte, die von außen oft aussahen wie Mut, fühlten sich innen vielmehr wie eine Notwendigkeit an, der ich folgen musste. Weil ich spürte, dass es das war, wozu ich hier war. Was ich in dieser Welt zu geben hatte. So machte ich mich selbständig. Schrieb ein Buch. Machte eine Ausbildung als Coach. Und begleite heute Menschen dabei, ihren eigenen Weg zu finden und ihm zu folgen.
Gleich zu Beginn meines Weges sagten dabei Freunde und Familie zu mir: Wie kannst du nur! Hast du dir das auch gut überlegt? Das wird sicher schiefgehen! Das rief meine eigenen Ängste und Zweifel auf den Plan. Doch mit der Zeit lernte ich zwei Dinge. Zum einen, dass das, was die anderen mir mit auf meinen Weg gaben, vor allem ihre eigenen Ängste und Zweifel spiegelte. Und dass sie mich zum anderen nicht davon abhalten konnten, meinem Weg zu folgen. Weil die Sehnsucht so stark war. Weil der Ruf so laut war. Weil ich wusste, unabhängig von jeder Meinung im Außen: Hier
geht es lang. Seither bin ich vielen Menschen begegnet, die Ähnliches erfahren haben. Sie alle berichten von Unverständnis in ihrem Umfeld, von Widerständen und Gegenwind – und von dem tiefen inneren Wissen, dass dies ihr Weg war. In solchen Momenten der inneren Aufruhr dürfen wir uns zugleich wieder erinnern, dass keine und keiner den eigenen Weg gegangen ist, ohne jenen Ängsten und Zweifeln zu begegnen. Dass sie uns prüfen, geradezu herausfordern, dranzubleiben, dem Weg weiter zu folgen. Und uns, wenn wir es tun, in unserer Kraft und Ausrichtung stärken.
Beginnen wir zu leben, was wir als tiefe Sehnsucht in uns spüren, werden wir entdecken, wie etwas in uns ruhiger wird und sich wandelt. Wie etwas tief in uns aufatmet, sich nicht mehr verstecken oder auf Umwegen bemerkbar machen muss. Weil es sich jetzt zeigen darf. Weil es gehört wird. Weil wir es leben. Dann beginnt etwas zu leuchten – zunächst in uns, dann in unserem Tun und Wirken. Und wir wissen, dass wir richtig sind, hier auf unserem Weg.

ZUM WEITERLESEN:
„Hab Mut und geh – Das Herzensweg-Praxisbuch“ und „Auf dem Herzensweg – Lebensgeschichten spiritueller Frauen“ von Sabrina Gundert. Beide erschienen im Irdana-Verlag.

 

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Sabine Zimmermann, Sozialpsychologin, Mediatorin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie für die Kraftquelle

Sabrina Gundert  begleitet Frauen mit ihren Coachings, Seminaren und Büchern dabei, ihren eigenen Weg zu finden und ihm zu folgen. Kreatives Schreiben, heilsames Singen, Achtsamkeit, Stille, Natur und kraftvolle Rituale sind die Mittel, mit denen sie arbeitet. www.handgeschrieben.de