Dirigentin des Klangs

Dirigentin des Klangs, das Magazin Kraftquelle hat ein Interview geführt

Eine Frau, viele Projekte und Orchester, doch ihr „Baby“ ist seit 20 Jahren die Philharmonie in Salzburg. Elisabeth Fuchs erzählt über Berufung, Begeisterung, Kinder – und wie sie es schafft, ihre Energie zu bündeln, um das Leben zu leben, für welches sie geboren wurde. © Interview: Julia Füreder / Kraftquelle

Kraftquelle: Liebe Elisabeth, wie ist das, wenn man den Klang dirigiert?
Das ist eine Frage, die man auch auf mein Leben ausweiten kann. Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Ich dirigiere und probe viel, habe drei leitende Positionen und organisiere für das Orchester immer neue Geldquellen. Ich bin stets mit großer Begeisterung bei der Sache, denn lebt man seine Berufung, denkt man nicht darüber nach, wieviel man pro Note bekommt. Folgt man dieser, dann fließt es einfach. Wenn es das ist, wofür man geboren wurde, dann arbeitet man mehr als andere, das Geld steht nicht im Vordergrund. Ich glaube, dass ich es brauche, gefordert zu sein, dann bin ich in meiner Energie. Natürlich mache ich auch mal Urlaub, verreise mit meinen Kindern, lasse alles in Salzburg sein und die Ideen einmal ruhen. Beim Dirigieren ist es ähnlich, da gibt es eine Partitur, in der 25 Stimmen übereinander sind und alle passieren gleichzeitig. Wenn ich dirigiere, dann habe ich das Stück im Kopf, dann ist es wichtig, Emotionen zu zeigen, mit Gesten und Energieübertragung. Parallel muss ich hören, was das Orchester spielt. Ich dirigiere im Auftrag des Komponisten, ich bin Klangmaler und auch Musikpolizei. Bei den Proben ist es wichtig, die Stücke so einzuüben, dass sich die Musiker in den Konzerten freispielen können, um dann die Energie raus ins Publikum zu transportieren. Mit dem Publikum als neue, wichtige Komponente gelingt dann die beste Fassung beim Konzert.
Wie hast du genug Energie für ein erfülltes Leben?
Ich glaube, wir alle haben gleich viel Energie zur Verfügung. Man muss nur an seiner
Energiequelle dran sein. Die meisten lassen sich zu viel ablenken von Negativem und sind dann schnell mal am Schimpfen, anstatt ihre Stärken zu sehen. Jeder muss zum Beispiel den Müll runterbringen – ich auch. Doch wenn ich solche Dinge schiebe, dann raubt mir das Energie und sie sind ständig in meinem Kopf. Es ist wichtig, sich selbst gut zu kennen und herauszufinden, warum es nicht fließt in manchen Bereichen des Lebens. Es kann natürlich sein, dass in der Kindheit oder
in der Jugend etwas gewesen ist, was uns daran hindert – wir erleben alle so viele Geschichten. Aber unsere Aufgabe ist es, diese Steine aus dem Weg zu räumen, damit es fließen kann. Mehr ist es nicht, und dann zu dienen und zu wirken. Ich umgebe mich nur mit Menschen, bei denen die Energie zu mir passt. Das handhabe ich so im Orchester, mit Projekten und auch im Privaten. Ich spüre sehr klar, wenn mich etwas entleert, da passe ich sehr gut auf mich auf, denn das kann ich mir nicht leisten, ich muss im Fluss sein. Bei Treffen und Begegnungen, die einem Energie abziehen würden, ist es wichtig, sich zu schützen. Früher habe ich das noch gebraucht, heute ist das nicht mehr notwendig. Wichtig ist auch, dass man sich Inseln im Alltag schafft und sich Zeit für sich selbst nimmt. Nicht, dass ich darin recht gut bin, doch ich mache das jeden Tag, selbst wenn es nur drei Mal fünf Minuten sind. Zum Beispiel, wenn ich meine Tochter vom Kindergarten abhole, gehe ich bewusst zu Fuß. Gerade wenn man Kinder hat und in der Berufswelt unterwegs ist, dann ist das so wichtig – sonst ist das ein Schweinsgalopp.
Was sind da deine Kraftquellen?
Die Musik ist schon wahnsinnig wichtig. Ich bin nie müde nach den Proben oder einem Konzert. Man kann sagen, es ist für mich keine Arbeit. Klar ist es anstrengend, doch ich weiß, was es heißt, in meinem Element zu sein. Meine zweite große Kraftquelle sind meine Kinder, sie sind das schönste Geschenk und das bleibt. Das ist toll, denn ich habe entweder die Musik oder die Kinder.
Die dritte große Kraftquelle ist für mich der Glaube. Ich sehe mich als Kind Gottes und als Puzzleteil des Ganzen. Ich bin sehr dankbar für meine Talente und die Möglichkeit, wirklich an meine Energie heranzukommen. Ich schaue immer, dass der Kanal nach oben frei ist. Wichtig ist auch, nicht zu viel den Kopf einzuschalten, das blockiert. Klar, das Tech-nische muss man üben, doch das Wichtigste
ist, den Kanal frei zu schaufeln, dann geht so viel. So kann man als Musiker oder Dirigent stundenlang konzentriert arbeiten, ohne dass es Energie frisst. Die vierte große Kraftquelle ist, ganz im Moment zu sein, in der Begegnung mit dem Menschen, der gerade vor mir sitzt und
diese versuche ich als Miteinander und Austausch zu nutzen. Der Austausch mit dem Publikum ist eine große Energiequelle. Wir tragen die Energie der Musik raus in den Saal und die des Publikums kommt zurück. Wenn wir es schaffen, nicht nur schöne Musik zu machen, sondern auch zu berühren und dabei besondere Momente zu erschaffen, dann hört man die Begeisterung im Applaus. Und diese gute Energie, die Energie, die aus der Begeisterung fließt, diese zu nehmen und weiterzugeben – wenn wir das alle machen würden, dann wäre das echt klasse.


Elisabeth Fuchs im Interview mit dem Magazin Kraftquelle

Elisabeth Fuchs
ist Chefdirigentin der Philharmonie Salzburg und gründete diese 1998 im Alter von 22 Jahren. Seit 2012 arbeitet sie regelmäßig mit Orchestern anderer Länder in Europa zusammen und dirigierte unter anderem die Zagreb Philharmonie, Helsingborg Symphony Orchestra, in Israel bei der Beer Sheva Sinfonietta und viele weitere.  Darüber hinaus ist der zweifachen allein-erziehenden Mutter die Kinder- und Jugendarbeit ein großes Anliegen. Elisabeth Fuchs hat die Salzburger Kinderfestspiele, die Salzburger Teeniekonzerte und die Salzburger Lehrlings-konzerte ins Leben gerufen. www.philharmoniesalzburg.at