Vom Zauber der Malas

Vom Zauber der Malas

Ich weiß nicht, ob Sie dieses Gefühl kennen, aber manchmal wächst mir alles über den Kopf:
Kinder, Alltag, Kunden. Und ich falle in eine Schockstarre, in der ich nur noch an all das denke,
was es im Eiltempo zu erledigen gilt. Viele Jahre hatte ich nichts dagegen in der Hand. Heute nehme ich eine Mala, schließe die Augen und atme tief durch, bevor ich beginne, meine Mantren zu singen.    © Text: Judith Herzl-Rößler

ie das alles angefangen hat? Ich habe in München eine Yogamesse besucht. Beim Stöbern durch die vielen Stände fielen mir diese wunderschönen Ketten auf, die alle in einer Quaste endeten. Nun praktiziere ich Yoga, seit ich 16 bin. Nicht regelmäßig und auch nicht außerordentlich gut, aber Malas waren mir auf meiner Reise noch nie begegnet. Auf Anfrage wurde mir an einem dieser Stände erklärt, es handele sich um buddhistische Gebetsketten, die man zum Rezitieren von Mantren benutze. Mantren? Meine Neugier (und davon habe ich eine Menge) war geweckt. Also nahm ich eine der Ketten mit nach Hause und begann zu recherchieren.
Malas sind eigentlich hinduistische Gebetsketten, die erst später in den Buddhismus hinüber wanderten. Auf den Handelswegen verbreitet, entwickelte sich daraus unser christlicher Rosenkranz und die muslimischen Gebetsketten. Eine Mala hat immer 108 Perlen, weil es im Hinduismus 108 Götter gibt und im Buddhismus sind die Lehren Buddhas in 108 Büchern niedergelegt. Eine heilige Zahl also.
Einen Knüpfkurs später begann ich selbst, mit der Fertigung dieser Gebetsketten zu experimentieren.
Auf Kunsthandwerkermärkten lerne ich immer wieder neue Menschen kennen, die auf der Suche sind. Auf der Suche nach etwas Schönem, Bleibendem, Sinnvollem, Inspirierendem. Und ich habe begriffen: Jeder (wirklich jeder!) greift zuerst zu der Mala, die zu ihm passt. Er mag noch lange weiter probieren, die ursprüngliche Wahl ist immer die richtige. Wenn ich meinen Kunden dann erkläre, wofür die Steine dieser Mala stehen, ist immer Erstaunen angesagt.
Meine Malas bestehen aus Halbedelsteinen, aber ich verwende auch Sandelholz oder Rudraksh (getrocknete Samenkörner der Frucht des Rudraksha-Baumes). Und immer wieder passiert es, dass mich die Steine beim Knüpfen in Erstaunen versetzen: Sie beruhigen mich, sie entführen mich in eine andere Welt und manchmal treiben sie mich in den Wahnsinn (Wenn sie immer wieder herumspringen und das Knüpfen der Kette zu einem Kampf ausartet. Dann sind es immer die Steine, die meinem Wesen nicht entsprechen, Dalmatinerjaspis zum Beispiel macht mich sehr reizbar. „Meine Kinder können ein Lied davon singen.")
Wenn die Kette fertig ist, lege ich sie in den Gefrierschrank, eingewickelt in ein Seidentuch. Hier ziehen sich die Kristallgitter zusammen und sie verliert jegliche ihr aufgezwungene Energie – sie wird rein und leer. Der neue Besitzer kann sie jetzt mit seiner eigenen Energie aufladen, indem er sie in die Sonne legt, sie bei der Yogapraxis trägt oder auch zu Gelegenheiten, bei denen er Freude empfindet: Tanzen, Singen, Freunde und Familie treffen.

Malas von Judith Herzl-Rössler
Malas von Judith Herzl-Rössler

Wenn ich also heute Stress empfinde, stehe ich früh auf, setze mich in mein Bett (im Winter eingewickelt in meine Bettdecke) und brumme ein Mantra. Diese in Sanskrit gehaltenen Gebetsverse des Hinduismus und Buddhismus haben eine eigene Kraft. Wenn Sie das ausprobieren möchten: Singen Sie ganz langsam die Ursilbe, das OM, und halten Sie dabei die Hände mal auf den Kopf, mal auf die Brust, mal auf den Bauchraum. Diese Silbe dringt mit ihren Resonanzwellen in den ganzen Körper ein. Beim Mantren rezitieren (still, gebrummt oder gesungen) wiederholen Sie das Gebet 108 Mal – und dazu ist die Mala mit der gleichen Anzahl Perlen ausgestattet. Nach jedem Gebetsende lassen Sie die nächste Perle durch Ihre Finger gleiten, bis Sie an die sogenannte Guru-Perle zurückkommen (das ist die Perle, die die Kette unten abschließt). Diese Perle steht für Ihren geistigen Lehrer – bei mir steht sie für eine Ärztin, die mein Leben sehr beeinflusst hat. Nach 108 Wiederholungen ist mein Geist ruhig und gelassen und ich kann die Anforderungen des Tages wieder schultern.
Es gibt noch vieles zu den Malas zu erzählen. Falls Sie neugierig geworden sind, kontaktieren Sie mich doch einfach.

BUCHTIPP: Mantras. Meine Erfahrungen mit der heilenden Kraft tibetischer Weisheit von Dechen Shak-Dagsay, 240 Seiten, Ullstein Verlag, 2014.


Mag. Judith Herzl-Rößler lebt in Salzburg und führt eine Eventagentur. Ihr Herz gehört den Malas, die sie in ihrem Atelier im Andräviertel als Unikate knüpft und über ihr Label „urbanyogi” vertreibt. www.urbanyogi.at
Instagram: #urbanyogisalzburg