Die Schwierigkeit, ein Mann zu sein

Die Schwierigkeit, ein Mann zu sein / Männlichkeit ©Text: Carsten Pfeifer

Nichts ist so stetig wie der Wandel. Und spätestens seit der Emanzipation der Frau ist zwischen den Geschlechtern so manches nicht mehr an seinem Platz. Das ist sicher gut so, und doch sorgt es für manche Irritation in den Geschlechterrollen.    ©Text: Carsten Pfeifer

Speziell in der spirituellen Szene sind Männer auffallend unterfrequentiert. Und wenn man doch welche antrifft, fehlt ihnen anscheinend das, was einen „richtigen“ Mann ausmacht. Das stößt bei Frauen nicht nur auf Gegenliebe. Und bei den harten Jungs wird man als „schwul“ abgestempelt und nicht ernst genommen.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich dem Klischee, welches die typische Männerwelt verkörpert, nicht entsprechen wollte. Imponiergehabe, nicht enden wollende Pubertät, Gewalt und überall im Stehen pinkeln – um nur einige Attribute zu nennen – waren nicht das, was ich besonders erstrebenswert fand. Heute weiß ich, es wäre besser gewesen, einen Vater zu haben, um mir männliche Werte wie Mut, stark und kämpferisch sein oder zielorientiertes Handeln vorzuleben und beizubringen. Auch ein liebevoller Arm für die Herzensbildung hätte nicht geschadet.
Stattdessen wurde ich ein Muttersöhnchen, welches sich nicht schmutzig macht und sich gut benehmen kann. Mit sechs Jahren lernte ich kochen –  und Tüten halten beim Shoppen mache ich heute noch gerne. Wenn mir etwas nicht passte, habe ich geheult und bekam ein Eis dafür. Auch rochen die Damen viel besser als mein Bier trinkender Vater, der sich immer öfter in seinen Keller zurückzog und mit mir nichts anfangen konnte. Ich war ein Sonnenkind, wohl behütet in der weiblichen Welt.


Ich wurde erwachsen und es kam der Tag, als ich mit meiner ersten großen Liebe eine eigene Wohnung bezog. Das Glück währte drei Jahre und sie verlies mich wegen eines „richtigen“ Mannes, wie sie mir zu verstehen gab. Ich verstand die Welt nicht mehr. Richtiger Mann? Wie jetzt? An mir ist doch alles dran. Und ein schlechter Liebhaber war ich auch nicht. Aber ich sei zu sensibel, sie müsse immer alles für mich regeln, ich übernähme keine Verantwortung und sie sei noch zu jung, um einen erwachsenen Jungen groß zu ziehen. Ich fing wieder an zu heulen, aber ein Eis gab es diesmal nicht dafür.
So ging das von Beziehung zu Beziehung, bis ich begriff, dass ich etwas an meiner Persönlichkeit verändern muss. Der Zufall wollte es, dass ich anfing, mich in spirituellen Kreisen zu bewegen: Buddhismus, Yoga, das ganze Programm. Und überall waren so viele hübsche Mädels und es gab sogar Jungs, mit denen ich etwas anfangen konnte. Einige klagten jedoch über dasselbe Problem: Sie waren als nicht „richtiger“ Mann in Beziehungen gescheitert.
Aber wo ist die Lösung? Ein Weg könnte sein, dass Männer sich zusammentun und ihre Identifikation in einer Art Mentoring neu entdecken. Schon früher begeisterte mich die Vorstellung, bei einem alten weisen indianischen Medizinmann vorzusprechen und seine Geheimnisse über das Leben zu erfahren.
Ich denke, der kürzeste Weg wäre, wenn Männer und Frauen mehr aufeinander zugingen und offen über ihre Bedürfnisse reden würden. Die Meinungen und Geschmäcker sind sehr unterschiedlich, wie ein Mann oder eine Frau sein sollte. Ich selber habe die schmerzhafte Erfahrung gemacht, dass selbst auf Fragen die Liebste einfach schwieg. Sie wolle mich nicht verletzen, sagte sie mir später. Aber die Verletzung war dann um ein Vielfaches größer, als sie mir zum Abschied diesen alten Satz sagte: Ich brauche einen richtigen Mann. Ich glaubte, alles gegeben zu haben, was ich konnte. Und ich kann viel. Aber ihre „Erwartung“ war eine andere.


Wir erwarten und haben Ansprüche, Männer wie Frauen, teilen diese aber oft nicht mit. Auch als Softie und bekennender Warmduscher wäre es mir ein Leichtes gewesen, sie zu beschützen und im Arm zu halten. Ich finde, dass Männer, die zu ihren Gefühlen stehen, ganz schön mutig sind. Das sollen die „ganzen Kerle“ uns erst einmal nachmachen.
Es bringt nichts, sich zu verbiegen. Authentizität ist gefragt. Dazu gehören die Bewusstwerdung, wer ich bin, und die Weiterentwicklung meiner Qualitäten. So bin ich beim Schreiben dieses Artikels und der Auseinandersetzung mit dem Thema schon wieder ein großes Stück mehr Mann geworden.

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Sabine Zimmermann, Sozialpsychologin, Mediatorin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie für die Kraftquelle

Carsten Pfeifer  lebt in Neustadt in Holstein. 15 Jahre arbeitete er als Dokumentarfilmer mit den Schwerpunkten Alternativmedizin, Spiritualität und Psychologie. Ob mit der Kamera oder im Wort,  er ist immer auf der Suche nach Geschichten, die das Leben schreibt. capfeifer@web.de