Schönheit

Wann standen Sie das letzte Mal vor einem Kunstwerk oder vor einem Berg und waren ergriffen? Gibt es Musik, die Sie zum Weinen bringt?  Nicht, weil an ihr eine Erinnerung hängt, gut oder schlecht, sondern weil Sie mitgenommen werden, einfach eine Zeit lang „,völlig weg“ sind?  © Text: Peter Ekl

Was ist das, was uns da unvermutet ergreift, uns aus den Gedanken reißt, das Herz erbeben lässt, fast weh tut in seiner Vollkommenheit? Hier berührt uns etwas, das zeitlos ist, das Alltag, Sorgen und Pläne verblassen lässt, das Ehrfurcht gebietet: Schönheit.
Vor einiger Zeit waren wir auf der kroatischen Insel Losinj unterwegs. In einem kleinen Tal mit den üblichen Zutaten wie Bäumen und Felsen, einer alten und einer neuen Strasse, einem Parkplatz, einem Bach, einem Haufen Bauschutt, dem Kadaver eines Schafs, Strommasten. Wir waren in einer nicht alltäglichen Stimmung und sind ziellos herumgegangen, und da hat sich ein seltsamer Wechsel der Blickrichtungen ergeben: Einmal gingen wir in der starken Natur dieser Insel, die gefüllt ist von Anmut und Schönheit, und dann waren wir plötzlich in einer geschundenen Karstlandschaft, seit Jahrtausenden ausgebeutet, in der Sonne brütende Felsen. Und im nächsten Augenblick waren wir wieder in der Schönheit aufgelöst, die durch alles leuchtet, in den Mohnblumen im Bauschutt am Parkplatz, in der Gestalt der Berge, im Blick auf das Meer. In einer solchen Umgebung und in einer solchen Stimmung ist es leicht, sich daran zu erinnern, dass die Schönheit immer und überall da ist. Aber die meisten von uns leben in einer Umgebung von  Dingen, die von Menschen gemacht wurden, und die wenigsten davon sind schön. Unsere Augen dürsten nach Schönheit und sie bleiben hungrig, unsere Augen reiben sich an achtlos gemachten und achtlos behandelten Dingen.


Geh in Schönheit
Aber was ist mit der Stimmung, der inneren Haltung, die uns Schönheit sehen lässt? Wenn
Sie sich erinnern, wie die Welt aussieht, wenn Sie verliebt sind, oder aus einem anderen Grund
sorglos, in Frieden und ganz gegenwärtig – da zeigt sich die Welt in all ihrer Schönheit, sie schaut plötzlich so anders aus, wie eine ganz andere Welt. Und die Schönheit leuchtet durch alles. Sie strahlt aus den Augen der Menschen, sie schimmert auf dem Fell der Tiere, sie glänzt überall. In solchen Augenblicken wissen wir, dass das die eigentliche, die wirkliche Welt ist.
Wir brauchen Schönheit, so wie wir Nahrung brauchen, und sind chronisch hungrig, wenn sie fehlt, wenn uns die Aufmerksamkeit fehlt, uns auf sie einzustimmen und zu unserer Mitte und damit zur Schönheit zurückzufinden. „Geh in Schönheit“ ist für das Volk der Diné ein Segensspruch, wie für unsere Eltern oder Großeltern „Geh mit Gott“ ein Segensspruch war. Wer den Weg der Schönheit geht, sich danach richtet, wohin das Licht der Schönheit führt, geht einen gesegneten Weg.
Schönheit zeigt die Anwesenheit des Einen an, das uns alle verbindet. Wir leben auf in der Schönheit, weil sie uns mit unserer tiefsten Wurzel verbindet. Welch ein Trost, welch ein Segen, daran erinnert zu werden, dass da überall Schönheit ist, wenn wir die Augen heben. Aus diesem Grund endet das alte Heilgebet der Diné so:

Es ist vollendet in Schönheit,
es ist vollendet in Schönheit,
es ist vollendet in Schönheit,
es ist vollendet in Schönheit.


Peter Ekl ist Buchautor und Heilpraktiker mit Praxis in Landshut. Er behandelt und unterrichtet zusammen mit der Physiotherapeutin und Heilerin Luise Wagner. Sie bieten Ausbildungen in Energiemedizin, Traditioneller Chinesische Medizin und Bachblütentherapie an. www.freiraum-landshut.de