Auf den Spuren der Bergmutter

Schamanismus – ein Begriff, der bei vielen noch Assoziationen mit fellgeschmückten indianischen Medizinmännern oder obertönenden Mongolen am Lagerfeuer vor ihren Jurten hervorruft. Er stammt
ursprünglich aus dem Tungusisch-Sibirischen und bedeutet „mit Hitze und Feuer arbeiten“.

© Text und Foto: Rainer Limpöck

Wer hat schon vom „Spina de Mul“ gehört, einem legendären und mächtigen Zauberer aus dem Fanesreich der Dolomiten, der sich nachts ein Eselsskelett überwirft und als Hexer durch die Berge zieht? Sollte jene exotische Weltanschauung – denn das ist sie und keine Religion, daher frei von Dogmen und Gurus – tatsächlich auch in unseren Breiten beheimatet sein, vielleicht sogar uralte archaische Wurzeln besitzen?
Ist es gar ein Trend auf der Welle des sanften Tourismus, der neue und alte Kraftorte und Kultplätze propagiert und im Sinne der Tiefenökologie zu einem neuen Naturbewusstsein aufruft?
Zunächst steckt im globalen Schamanismus die Erkenntnis einer beseelten Natur. Für den  schamanisch Denkenden und Handelnden bedeutet dies daher absolute Achtsamkeit unter anderem im Umgang mit den Elementarkräften. Selbst ein Stein ermöglicht schon, Heilungsprozesse einzuleiten, wenn er zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und mit der entsprechenden Einstellung gesetzt wird. Im Alpenraum finden sich besonders in Höhenlagen noch Steinkreisanlagen unbekannten Alters. Während bei den nordamerikanischen Eingeborenen die magische Arbeit mit den so genannten Medizinrädern überliefert ist, sind bei uns – in gleicher Ausformung – die keltischen Lebens- oder Sonnenräder bekannt. Entsprechende Steinkreise finden sich rund um den Untersberg (zum Beispiel im Großgmainer Marienheilgarten, in der Grasslhöhle oberhalb Fürstenbrunn, am Ettenberger Rossboden).

Das Feuer verwendet der schamanisch Tätige unter anderem zur energetischen Reinigung. Uralte Räucherbräuche sind in unserer Region noch aus den Raunächten zur Weihnachtszeit bekannt. Die Rauchkräuter sind einerseits Heilmittel, andererseits Mittel, um den Kontakt zur Anderswelt herzustellen – eine Botschaft an die Himmelsmächte. Feuer ist auch im Brauchtum fest verankert. So brennen zu Berg und Tal zu den Sonnwendzeiten die Jahreskreisfeuer. Aus keltischen Zeiten sind zudem Schwitzhüttenzeremonien bekannt, die auch heute wieder angeboten werden.

Zum Element Wasser finden sich zu den Bächen, Flüssen und Seen des Alpenraums viele Mythen über Wassergeister, verwunschene Seen, Nixen, Ungeheuer oder versunkene Klöster. Überall öffnen sich darin Zugänge zu anderen Wirklichkeiten. Auditive Stimulationen verändern bekanntermaßen das Bewusstsein. Wir erleben dies zum Beispiel beim Wandern an einem Bergbach und spüren rasch seine positiven Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele. Die feinstofflichen Kanäle für die Wahrnehmung der elementaren Naturwesenheiten öffnen sich. Im schamanischen Denken wird das Wasser wieder zum Urquell, dessen reinigende Kraft Heilung auf allen Ebenen bringen kann. Quellen werden als Naturheiligtümer erfahren und geachtet und mit den Quellgeistern wird kommuniziert.
Die Mythen sind im soziologischen Sinn identitätsbildend und schaffen Zusammenhalt. Die oft schwer verständlichen Überlieferungen bergen stets einen wahren Kern, der immer wieder die regionalen Naturkräfte und Natur-wesenheiten beinhaltet und benennt. Wer die Seele der Natur, ihre Sprache ergründen möchte, wird in der Sagenliteratur, in den darin beschriebenen Orten, Wesen und Zauberkräften, ausreichend Erkenntnisse finden.
Schon vor Urzeiten galt das Durchschlupfen bei Spaltfelsen (Klobenstein bei Kössen, Falkenstein am Wolfgangsee, Spaltfelsen bei Hinterettenberg) oder Baumwurzeln unter anderem als heilbringend, segenspendend, initiierend und reinigend. Jene alpine Magie ist heute noch wirksam und populär, wie der stark frequentierte Pilgerweg zum Falkenstein am Wolfgangsee belegt.

 

.........................................................

Trommelgruppe
Rainer Limpöck bietet einmal monatlich an einem Kraftort und Kultplatz der Region
eine alpenschamanische Trommelgruppe an.

zum Weiterlesen
Die Zauberkraft der Berge: Unterwegs zu den Kraftorten der Alpen,
Rainer Limpöck, 2009, Pichler Verlag,

Mehr Infos
www.alpenschamanismus.de
oder per Email: info@alpenschamanismus.de

.........................................................

Sabine Zimmermann, Sozialpsychologin, Mediatorin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie für die Kraftquelle

Rainer Limpöck
ist gebürtiger Bad Reichenhaller  und widmet sich als Schriftsteller und Heimatforscher speziell der Entschlüsselung der heimatlichen Mythen und damit verbundenen Kraftorten und Kultplätzen. Der Autor ist Initiator des alpenschamanischen Netzwerks und der seit 2004 jährlich im Sommer stattfindenden öffentlichen Alpenschamanentreffen.
www.alpenschamanismus.de