Tanztherapie – eine erfolgreiche Erfahrung

Ich bin ... Wer bin ich? Diese Frage stellte sich mir ganz intensiv nach meinem Nervenzusammenbruch vor vielen Jahren, den ich durch einen dreimonatigen Reha-Klinikaufenthalt überleben konnte. Die Jahre vor dem Zusammenbruch waren mitbestimmt durch heftige Bulimiephasen, die nicht (immer) kontrollierbar waren. Doch die Frage nach dem "WARUM finde ich das Leben zum Kotzen?" war noch nicht beantwortet. Ich fand eine Psychotherapeutin in Wien, die sich auf das Thema Bulimie und Tanztherapie spezialisiert hatte. 

Ich weiß noch genau, wie irritiert ich war, als ich bei meinem ersten Termin die Anleitung bekam, einfach meinem inneren Bewegungsimpuls zu folgen. "Was soll ich machen, damit es richtig ist?" Diese Frage war sofort und sehr aufdringlich in meinem Kopf. Geduldig und sehr einfühlsam begleitete mich die Therapeutin durch die ersten Prozesse.


Fast nicht aushaltbar war für mich, dass ich meine innere Bewegtheit nicht ausdrücken konnte! Ich hatte über 20 Jahre lang klassiches Tanztraining gehabt und zudem vor meiner Physio-Ausbildung ein paar Semester Sport studiert. Und jetzt sollte ich meinem inneren Impuls folgen und keine Choreografie befolgen. Schwierig! Ärgerlich! Frustrierend! Termin für Termin begann ich mit mir selbst geduldiger zu sein, mich mehr auf die – manchmal subtilen, manchmal fast aggressiven – Bewegungsimpulse einzulassen. Anstrengend und herausfordern auch, nicht in eingravierte Handlungsmuster zu rutschen, sondern wirklich, wirklich im Spüren zu bleiben.


Das Mutter-Thema war sehr schnell aufgetaucht, dazu das schlechte Gewissen, nicht zu genügen, wieder da. Zorn, dass ich mit fast 50 noch immer dieses Mutter-Thema mitschleppte, echt, das war einfach nur ... ! Von Stampfen, Auf-dem-Platz-Drehen, Am-Boden-Rollen, Rutschen, Toben, Brüllen, Lachen, Summen, absoluten Stillstand über zaghafte Fortbewegung bis zum Springen und Tanzen nach meiner inneren Musik war das Erfahrungsspektrum, in dem ich mich bewegte.
Die Beobachtungen meiner Therapeutin, der achtsame Austausch der Erfahrungen, der Beobachtungen, versöhnten mich mit MEINEM Lebensweg, machten es möglich, meiner Mutter mit zärtlicher Anerkennung für ihr Leben zu begegnen und letztendlich das Geschenk anzunehmen, dass ich bin, was ich bin: Tochter, Schwester, Mutter, Frau! Nach einer Periode von circa einem Jahr fand ich zurück zum Lachen, zum Ja! für das Leben und zur Freude am Beruf und vor allem auch wieder zur Freude, meinen drei Leuchttürmen Begleiterin für deren Lebensweg zu sein!


Ein wesentlicher Teil dieser Erkenntnis war meine Begegnung und Erfahrung mit Tanztherapie, die ich als besonders hilfreich erlebte in der Verknüpfung von Sprechen, Bewegung, Reflexion. Diese Einbeziehung der verschiedenen Wahrnehmungsebenen ist der Schlüssel zu einem direkten Zugang meiner inneren Welt, die ich heute mutig(er) ausdrücken und ausleben kann.
Birgitt S., heute über 60 Jahre alt