Der Klang des Waldrandes

Vom akustischen Lebenspuls der Mutter über einen absolut stillen Raum und pausenloses Hören zum Hörbild des Waldrandes – und noch einen Schritt weiter. © Text: Paul Freh

Wenn ein neues Menschenwesen im Bauch seiner Mutter heranwächst, bekommt es alles von ihr, was zum Leben nötig ist: Wärme, Nahrung, Sauerstoff, Antikörper… und Liebe. In der Mutter ist ein Miniaturozean nachgebildet, in dem der Fetus schwebt und wächst. Alles bezieht er von der Mutter, jedoch ein Ohr „will“ er selber haben. Während unser Körper bis nach der Pubertät wächst, ist die Cochlea – das eigentliche Hör-Organ – nach nur 18 Wochen schon in seiner endgültigen Größe ausgebildet. Nach der 24. Woche kann der Fetus Silben und Klänge unterschieden. Jetzt gewinnt der kosmische Lebenspuls der Mutter an akustischer Dimension. Wir surfen ab diesem Zeitpunkt im Klang, ein Leben lang eingebunden in die Welle(n). Durch Klang und Stille öffnet sich ein Tor, das weg vom Alltag führt, hin zur Einzigartigkeit, zum JETZT!
Ich schreibe Klang und Stille, weil die beiden zusammen gehören. Sie sind sogar eins! Es gibt immer etwas zu hören. Wenn ich in einem absolut stillen Raum bin („schalltoter Raum in einem Physikinstitut“) und lausche... dann höre ich meinen Atem fließen. Wenn ich deshalb die Luft anhalte, so höre ich das Glucksen in meinem Bauch und das Rauschen meines Blutes. Es stellt sich nicht die Frage nach Klang oder Stille. Sie sind eins. Weil wir leben.
Hören geschieht die ganze Zeit, pausenlos. Sogar im Schlaf. Geräusche, Klänge und Töne – hören wir unser ganzes Leben lang und brauchen dafür dennoch fast keine Bewusstseinsleistung. Wenn etwas an unser Bewusstsein dringt, dann hat es schon viele durch Genetik und Erfahrung fein gestimmte Filter passiert. Wir bekommen nicht mit, was wir alles hören.
Machen wir einen Ausflug. Ich liege auf einer Blumenwiese am Waldrand, schließe die Augen und lausche: Vögel zwitschern nah und fern, Insekten summen, Blätter rascheln im Wind, Autos, bellende Hunde und Flugzeuge kommen und gehen, es ist eine Symphonie, in der Vieles gleichzeitig geschieht. Es entsteht langsam ein „Hörbild“, das völlig anders ausgestaltet ist als das „Sehbild“ der Augen.
Was ich nicht höre, dafür aber sehe: die Form und Farbe des Hauses am Hügel, die Wiese, die herbstliche Farbenpracht des Waldes. Was ich nicht sehe, dafür aber höre: die Kinder hinter dem Haus, die Grillen und Heuschrecken der Wiese, all die Vögel auf und unter den Bäumen im Wald…
Das Hörbild hat Tiefe, das Sehbild Details an der Oberfläche. Jedes hat seine Qualität.
Jetzt schließt sich der Bogen zum Satz von weiter oben – „Wir bekommen nicht mit, was wir alles hören.“ Schenken wir also unsere Aufmerksamkeit bewusst einem Klang und lauschen diesem. Nun kommen mehr Details dieses einen Klanges in unserem Bewusstsein an: Manche im selben Augenblick, andere im Laufe einige Atemzüge.
Erstaunlicherweise geschieht die Analyse und Bewertung der Klänge völlig unbewusst. Nur die Ergebnisse tauchen auf. Dadurch haben wir viel Wahrnehmungskapazität frei, um das Leben zu genießen! Als Serienausstattung bekommen wir Menschen ein völlig phantastisches Gehör und ein ebenso phantastisches Klang-Verarbeitungs-System eingebaut. Vielen Dank auch!
Lust, einen Schritt weiter zu gehen? Das Lauschen auf Klänge, die sich ständig verändern, ist eine Lieblingsbeschäftigung unseres Hör-Systems: Das feine Plätschern eines Baches, die Brandung des Ozeans, besonders auch Musik! Die Aufmerksamkeit bleibt beim Klang. Nach wenigen Minuten sind die Gedanken verstummt, es gibt nichts mehr zu tun für das Bewusstsein. Es klinkt sich aus – bei der einen schneller, beim anderen langsamer. Damit löst sich auch die (Illusion einer) Orientierung in Raum und Zeit auf. Meditation kann in diesen Zustand führen, Ekstase ebenso.
Lust, einen Schritt weiter zu gehen? Das wäre der Schritt raus in die Natur. Augen zu. Ohren auf. Lauschen. Warum die Natur? Sie ist unser Zuhause!


gsund & sound

„sound“ ist Englisch und bedeutet „Klang“ und als Eigenschaftswort „gesund“. Die etymologische Verwandtschaft von Deutsch und Englisch zeigt sich noch im Dialekt: „gsund“ klingt wie „sound“. Beide gehen auf das französische „son“ (Klang) zurück.


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Interview mit dem Obertonsänger Paul Freh


Paul Freh lebt als Vater, Musiker, Sänger und Liedermacher in Salzburg. Auf Konzerten, Klangreisen, musika-lischen Nächten mit über acht Stunden Musik und auf vielen Singkreisen berührt er Menschen mit Klang und Stille. Ihm liegt es sehr am Herzen zu zeigen, dass jeder singen kann! Darum unterrichtet er in seinen Seminaren Obertongesang und das gemeinsame Singen von Mantras und Chants. www.paulfreh.at